Sind Blogger „unterschätzte Journalisten“? – Studie über „Deutschlands Blogger“ nährt alte Vorurteile

Das "Bloggen" ist eine freie Form des Schreibens. Foto: KnutKuckel.news
Das "Bloggen" ist eine freie Form des Schreibens. Foto: KnutKuckel.news
Blogs sind im Trend. Wer aber sind »die Blogger«? – Amateurjournalisten oder „Berufsjournalisten“? „Bloggt“ ein seriöser Journalist? Gibt es zwischen Journalisten und Bloggern Gemeinsamkeiten??

Was denken Blogger und Journalisten übereinander? oder ist „Bloggen“ nur eine neue Stilform des Schreibens? – Vieles hätte man untersuchen können, was sicherlich erstaunliche Erkenntnisse an den Tag gebracht hätte.

Die Studie über „Deutschlands Blogger“ geht all den vielen offenen Fragen in diesem Zusammenhang leider nicht auf den Grund.

Wir unterstellen Olaf Hoffjann, dem verantwortlichen Professor für Medien und Marketing der Ostfalia Hochschule in Salzgitter beste Absichten. Seine Anfang Mai veröffentlichte Studie über die „Blogger Deutschlands“ durfte er in der Mai-Ausgabe des DJV-Medienmagazins „journalist“ vorstellen.

Wir googlen zur Einstimmung „Journalisten bloggen“. Angeboten werden 20.500 Einträge zum Suchbegriff. Sie belegen, dass es offensichtlich ein öffentliches Interesse an „bloggenden Journalisten“ gibt.

Manche werden sich erinnern – vor Jahren schon haben wir in provokanter Absicht „Journalisten bloggen“ herausgegeben. In einer Zeit, in der „bloggende Journalisten“ noch als etwas Minderwertiges empfunden wurden. Verlage distanzierten sich anfangs von „bloggenden“ Journalistinnen und Journalisten.

Die achteten darauf (manche noch heute), dass in ihren Twitter-Accounts, den Blogs und sonstwo im World-Wide-Web der Hinweis ganz oben stand: „In diesem persönlichen Blog schreibe ich ausschließlich meine private Meinung, die sich nicht mit der meiner Redaktion decken muss“ und so weiter und sofort.

Die Pioniere dieser Zeit bloggen heute noch immer. Manche von ihnen sind inzwischen in den Medien geschätzte Experten. Beispielsweise die im „journalist“ erwähnten Netzpolitik-Macher Markus Beckedahl und Andre Meister.

Sie und all die anderen haben „das Bloggen“ salonfähig gemacht. Bloggen ist Trend. Manche würden so weit gehen und von „Kult“ sprechen.

Alle Bloggen. Und alle wollen etwas mitteilen. Am populärsten sind Technik- Mode- oder Reiseblogs. Olaf Hoffjann und sein Mitarbeiter Oliver Haidukiewicz wurden in ihrer Arbeit seit Anfang 2016 von der Otto-Brenner-Stiftung der Gewerkschaft IG-Metall unterstützt.

Gesucht wurden u.a. Gemeinsamkeiten zwischen „Professionellem Journalismus“ und „journalistischen Blogs“. Journalistischen Ansprüchen werde man gerecht, wenn publizistische Kriterien „wie redaktionelle Autonomie, Aktualität oder Periodizität“ erfüllt sind.

Nicht untersucht wurden – so Olaf Hoffjann im „journalist“ Plattformen wie Instagram oder You Tube oder etwa Influencer. In diesem Sinne hat man auch keine Aufmerksamkeit „nicht-journalistischen Blogger oder Privatpersonen“ gewidmet, „die etwa über ihre Hochzeitsreise bloggen.“

Olaf Hoffjann: „Die Studie basiert auf einer Onlinebefragung, an der 936 professionelle Journalisten und 463 journalistische Blogger teilgenommen haben. Zusätzlich wurden Experteninterviews mit 20 Bloggern durchgeführt, ergänzt von einer Publikumsbefragung mit 156 Nutzern.“

Das Ergebnis kann wenig überraschen: „Sowohl Journalisten als auch Blogger wollen in erster Linie informieren und vermitteln. Nur etwa jeder zehnte Blogger will kritisieren und kontrollieren, während knapp 40 Prozent der Journalisten diesen Anspruch formulieren.“

Wer hätte das gedacht? „Politikjournalisten und Politikblogger wollen deutlich mehr kritisieren und kontrollieren als ihre Kollegen aus anderen Fachgebieten.“

Allein die Frage „Was denken Blogger und Journalisten übereinander?“ macht deutlich, dass etwas Grundsätzliches zu kurz kam oder gar nicht beachtet wurde. Journalisten bloggen vielfach in vergleichbarer Absicht wie Profi-Fußballer Golfen oder Segeln. Die wenigsten sehen in ihren Blogs einen missionarischen Auftrag. Sie „bloggen“, weil dies eine erkennbar vergnügliche Form des Schreibens ist. Frei von allen redaktionellen Zwängen. „Bloggen“ ist längst eine Stilform des Schreibens geworden.

Nicht nur das. Marketing- und Kommunikationsleute empfehlen Unternehmern unterschiedlichster Branchen in ihre Webangebote „Blogs“ zu integrieren. Das sei mehr als trendig. Führe zu einer intensiveren Kundenbindung. Und wenn alles optimal verläuft, auch zu mehr Kommunikation zwischen Unternehmung und Kunden.

Viele freie Kolleginnen und Kollegen verdienen sich mit ihrem Schreiben für solche Marketing-Blogs ein Zubrot. Das sei ihnen gegönnt.

Nur sind deshalb die Blogs, für die sie schreiben, nicht unbedingt „journalistische Angebote“. Und der Hotelier – oder wer auch immer für einen Blog verantwortlich zeichnet – ist deshalb noch lange kein Verleger oder Intendant. Auch – und besonders – die Herausgeber von Hatespeech und Fake-News sind im klassischen Sinne keine Medienleute. Sie profitieren lediglich von den vielen Möglichkeiten der digitalen Technik.

Ein schier unübersichtlicher Markt verdient Milliarden mit Social-Bots und Fake-News. Es würde sich lohnen, das in einer wissenschaftlich-relevanten Studie zu untersuchen. Viel ist darüber bereits geschrieben worden. Die Thematik ist längst erkannt und man widmet sich ihr.

Man sollte sich über alle Journalisten freuen, die „bloggen“. Einige von den Besten listen wir in diesem Blog unter „Blogroll„.

Es ist sehr vergnüglich und nicht weniger informativ, was beispielsweise der Journalist Daniel Bröckerhoff schreibt. Der heute+-Moderator und frühere ZAPP-Autor hat in seinem persönlichen Blog zu einer Form gefunden, die beispielhaft sein könnte, für „bloggende Journalisten“. Lesen lohnt sich. Ganz besonders der Beitrag „Deutschland braucht einen Tag am Meer„.

Es ist wie im Radio – wenn der Einstieg gelungen ist, hört man zu – Bröckerhoff beherrscht diese Technik perfekt. Er schreibt einleitend „Es ist ein heißes Wochenende – nicht nur klimatisch, sondern auch politisch.“ Bröckerhoff reflektiert eine Demo in Berlin. Auf der einen Seite AfD-Unterstützer, auf der anderen die Gegner.

Zitat: „Der Teil der Migranten, die eigentlich nur Mal eben kurz kommen wollten, hatte mit der Ansage auch keine Probleme – bis ihre Kinder feststellten, dass ihnen die Zugehörigkeit zu diesem Land verwehrt wurde. Dass sie heute Erdogan hinterher rennen ist die logische Konsequenz.“

Daniel Bröckerhoff widmet sich mit seinem Blog Themenfeldern wie „Medien“, „Gesellschaft“, „Politik“ und „Leben“. 

Bloggende Journalisten sind nicht verantwortlich für das Zeitungssterben. Auch nicht die Leser dieser Zeitungen, die „Blogger“ wurden, weil redaktionelle Moderatoren ihre Leserbriefe zensierten. Was in den meisten Fällen auch notwendig war und ist. 

Der Wirtschafts- und Politikwissenschaftler Ayad Al-Ani schreibt in einem Gastbeitrag für DIE ZEIT über die Zukunft des Journalismus „Journalisten werden eine neue Rolle haben“ über dieses und andere Phänomene. Zitat: „Desillusionierte, aber noch immer politische Bürger verwenden das Netz, um selbst zum Sender zu werden. Sie bloggen, sie kommentieren, sie machen Bürgerjournalismus.“

Bei den Medien „steigen die Leser aus“, so Ayad Al-Ani. „Das Individuum als Produzent hat nun andere Anforderungen an Medien.“ Der „erklärende Journalismus“ sei in unserer digitalen Gesellschaft von weitreichender Bedeutung. „Auch die traditionelle Politik betrachtet diese Community Media durchaus als einen Gewinn für die Demokratie,“ schreibt der Wissenschaftler.

„Community Media“ klingt fachlich ausgereifter als „Blogger“. Das „Bloggen“ ist eine Technik des Schreibens. Sie beschreibt eine freie Form des Schreibens. Wenn man so will eine digitale Speakers‘ Corner. Was früher im Londoner Hyde Park Kult war, verlagert sich heute in den öffentlichen digitalen Raum.

Eine Kurzinfo der Studie „Deutschlands Blogger. Die unterschätzten Journalisten.“ kann über die Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften im PDF-Format heruntergeladen werden. [Download/PDF]

Knut Kuckel

Journalist. Meine persönlichen Blogs:
KnutKuckel.news - Eigenes Webportal
→ Tirol.bayern - Grenzgänger und Gipfelstürmer

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